Das Leben, es ist gut.

Su jin Bae
Philipp Höning
Jonathan Lemke

Atelier- und Galeriehaus
Defet, Nürnberg
12.12.2021 - 15.01.2022

Das Leben, es ist gut

 

Text: Thorsten Schneider

 

Life, it is good. Wherever this needs to be stressed, it seems to be questionable. Nevertheless, the artists Sujin Bae, Philipp Höning and Jonathan Lemke take Goethes dictum seriously enough to use it for their exhibition title.

 

 

Their works try to grasp the aspiration for the good life, this imperishable morality that has become dubious long since. The White Cube acts as an echo chamber. As a time machine. As an interspace between utopia and dystopia.

 

 

The film Six New Prayers of Penitence by Bae and Lemke makes a choir of voices speak of the catastrophes of the 20th century and at the same time, they dissolve the sense of present age. Their photo prints and montages are contemplations that are out of time. The scenarios are haunted by historic dream sequences: This, what I see has been there, at the space that lies between eternity and the perceiving subject (operator or spectator); it was throughout, irrefutable present, but still it already passed. The presence eludes. 1)

 

 

The racks of antiquated audio devices and retro-futurist arrangements made of extruded aluminum and steel that Höning welded to listening stations for audio plays and drone sounds are poetic prostheses from the gear of a contemporary infrastructure of platform capitalism. The machine room of a world of commerce that suppresses its material conditions and precarious exploitation economies. The audio play has been developed after extensive research on the topic of neoliberal architecture, particularly the shopping center Langwasser, and the housing complex Einsteinring in Nuremberg. Inside the exhibition space these fragments of alienated labor become uncanny furniture.

 

 

But still, even here we can perceive the echo of what Siegfried Unseld heard in Goethes poem: There is no resignation to find in these lines. Only consent with caducity, an overall power of preservation and conciliation: Whatever be: Life, it is good." 2)

 

 

The idea for the exhibition came to existence during Hönings artist-in-residence by the zumikon-foundation, initiated by architect Harald Raab. In collaboration with Bae and Lemke he developed the concepts to find different angles in the subjects.

 

 

 


1) Roland Barthes, Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, Frankfurt a. M. 1989, S. 87. 2
2) Siegfried Unseld, in: Ders., (Hg.), Johann Wolfgang Goethe, Das Leben, es ist gut. Hundert Gedichte, Frankfurt a. M. 2014, Paratext.

Institut Für Moderne Kunst
Defet-Haus
Gustav-Adolf-Straße 33,
90439 Nürnberg

Öffnungszeiten
Do - So 11:00 - 20:00 Uhr
24.12. - 03.01. geschlossen


Philipp Höning

Meatgrinder/Schutzhütte I (Gammastrahlung)

4-Kanal-Audio -Installation, 37:00 min

Alu-Industrieprofile, Holz, Stahl, Richtlautsprecher, 2K-Lack, Telegrau RAL 7045

2021

Philipp Höning

Meatgrinder/Schutzhütte I (Gammastrahlung) (Detail)


Su Jin Bae + Jonathan Lemke

Sechs neue Bußgebete

Video

2019

Her(47, widow)

Video

2021

Das Leben, es ist gut

Text: Thorsten Schneider

 

"Das Leben, es ist gut.“ Wo dies noch betont gesagt werden muss, ist es meist nicht gut. Und dennoch nehmen die Künstler*innen Su Jin Bae, Philipp Höning und Jonathan Lemke dieses Bonmot Goethes beim Wort – als Ausstellungstitel, um genau zu sein. Ihre künstlerischen Arbeiten spüren der Sehnsucht nach dem ‚guten Leben‘ nach – dieser nicht tot zu kriegenden Moral, die längst zweifelhaft geworden ist. Der White Cube dient als Echokammer. Als Zeitmaschine. Als Zwischenraum, zwischen Utopie und Dystopie.

 

Die filmischen „Bußgebete“ von Bae und Lemke bringen einen ganzen Chor an Stimmen zur Aufführung, die die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts vergegenwärtigen und zugleich jede Gegenwart aufzulösen scheinen. Ihre Fotografien und Collagen sind unzeitgemässe Betrachtungen. Die dargestellten Augenblicke werden heimgesucht, durch eine historische Traumsequenz. „[D]as, was ich sehe, befand sich dort, an dem Ort, der zwischen der Unendlichkeit und dem wahrnehmenden Subjekt (operator oder spectator) liegt; es war ganz und gar unwiderlegbar gegenwärtig und war doch bereits abgeschieden.“ Die Gegenwart entgleitet. 1)

 

Die Gestelle, aus veralteten Audiogeräten und retro- futuristischem Gestänge die Höning zu Hörstationen, für seine Hörspiele und Drone Sounds verschweißt, sind poetische Prothesen aus dem Getriebe einer zeitgenössischen Infrastruktur des Plattformkapitalismus. Der Maschinenraum einer Konsumwelt, die ihre materiellen Vorraussetzungen und prekären Ausbeutungsökonomien verdrängt. Entstanden ist das Hörspiel nach ausgedehnten Recherchen zur ‚neoliberalen Architektur‘ des Shopping-Centers Langwasser Nürnberg sowie der Siedlung Einsteinring. Im Ausstellungsraum werden die Fragmente entfremdeter Arbeit, zum unheimlichen Mobiliar. Doch auch hier klingt – als Drohung oder (leeres) Versprechen – nach, was Siegfried Unseld in Goethes titelgebendem Gedicht vernahm: „Nirgendwo in diesen Zeilen ist Resignation, überall Einverständnis mit der Vergänglichkeit, überall auch die Kraft der Bewahrung und Versöhnung: »Wie es auch sei das Leben, es ist gut.« 2)

 

Die Idee zur Ausstellung entstand während Hönings Stipendium der zumikon-Kulturstiftung auf Initiative von Harald Raab. Gemeinsam mit Su Jin Bae und Lemke erarbeitete er ein inhaltliches und formales Konzept, in dem aus verschiedenen Perspektiven auf die Fragestellungen geantwortet wird. Thorsten Schneider kuratiert die Ausstellung.


1) Roland Barthes, Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, Frankfurt a. M. 1989, S. 87. 2
2) Siegfried Unseld, in: Ders., (Hg.), Johann Wolfgang Goethe, Das Leben, es ist gut. Hundert Gedichte, Frankfurt a. M. 2014, Paratext.

Institut Für Moderne Kunst
Defet-Haus
Gustav-Adolf-Straße 33,
90439 Nürnberg

Öffnungszeiten
Do - So 11:00 - 20:00 Uhr
24.12. - 03.01. geschlossen


Jonathan Lemke

Ohne Titel
Collage

2021

 


Su Jin Bae + Jonathan Lemke

Ohne Titel

Zine, Laserprint auf Munken Print White
14 S. Auflage von 20